{"id":256,"date":"2025-03-21T19:47:28","date_gmt":"2025-03-21T19:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/?p=256"},"modified":"2025-03-22T08:19:57","modified_gmt":"2025-03-22T08:19:57","slug":"horkheimers-materialistische-logik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/?p=256","title":{"rendered":"Horkheimers materialistische Logik"},"content":{"rendered":"\n<p>Horkheimer verfolgte \u00fcber lange Jahre den Plan, ein Buch \u00fcber dialektische Logik zu schreiben, \u201ewie Hegel in seinem gro\u00dfen Werke\u201c. Dieses Buch konnte aus finanziellen Gr\u00fcnden schlie\u00dflich nur teilweise realisiert werden \u2013 in Form der mit Adorno zusammen verfassten <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Horkheimers radikales materialistisches Verst\u00e4ndnis von Logik ist von gro\u00dfer Tragweite sowohl f\u00fcr Hegels Logik als auch f\u00fcr die bisher \u201eergebnislose\u201c Suche nach der von Marx immer wieder angek\u00fcndigten Logik.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn Horkheimer zeigt die gesellschaftstheoretische Substanz von Hegels Logik auf, die gegen Hegel selbst nicht mehr als reines Denken erscheint. Und Marx hat tats\u00e4chlich schon unz\u00e4hlige Vorarbeiten zu seiner materialistischen Logik geleistet, nur sehen diese eben ganz anders aus als Hegels Logik.<\/p>\n\n\n\n<p>Horkheimer plante seine materialistische Logik als \u201ematerielle Kategorienlehre\u201c. Also gerade nicht als Metaphysik, wie sie bei Hegel gemeint ist. Horkheimer stellt sich ganz deutlich gegen eine metaphysische Logik und gegen einen f\u00fcr alle Zeiten gleichbleibenden Sinn der Kategorien.<\/p>\n\n\n\n<p>Sondern er versteht die Logik als Kategorienlehre, als Ausarbeitung von Kategorien, die in der \u201ewissenschaftlichen und politischen Diskussion gesellschaftlicher Probleme\u201c gebraucht werden, aber \u00e4quivok (mehrdeutig) und vage. Es herrscht eine gro\u00dfe Unklarheit \u00fcber sie und es treten sofort Meinungsverschiedenheiten auf, wenn man sie definieren soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Horkheimer z\u00e4hlt einige Begriffe auf, die er darin diskutieren will: Kausalit\u00e4t, Tendenz, Fortschritt, Gesetz, Notwendigkeit, Freiheit, Klasse, Kultur, Wert, Ideologie, Dialektik. Einige davon findet man auch in Hegels Logik, andere k\u00f6nnte man sich dort \u00fcberhaupt nicht vorstellen (wie Klasse oder Kultur).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Logik ist auch nicht so gedacht, dass in ihr die Kategorien frei im reinen Denken und in einer rein logischen Bewegung dargestellt werden, also unabh\u00e4ngig von der Hegelschen \u201aRealphilosophie\u2018. Sondern die Kategorien haben nach Horkheimer nur dann Sinn, wenn man sie \u201edurch fortw\u00e4hrende Beziehung des Sinnes auf die Realit\u00e4t lebendig erh\u00e4lt\u201c: <a>\u201eEine Bestimmung der philosophischen Begriffe ist immer zugleich eine Darstellung der menschlichen Gesellschaft in ihrer geschichtlich gegeben Verfassung.\u201c<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Horkheimer gibt dieser Logik auch eine politische Funktion, sozusagen im Sinne eines Klassenbewusstseins. Denn in seiner Logik sollen die \u201einhaltlichen Kategorien des fortgeschrittensten Bewusstseins\u201c entfaltet werden. Das hei\u00dft, Horkheimer entnimmt die Kategorien diesem Bewusstsein und entfaltet sie f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Klarheit dieses Bewusstseins.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1939 befand sich Horkheimer im kontinuierlichen Gespr\u00e4ch mit Adorno, in denen sie an Kategorien wie Individuum, Gesellschaft, Eigentum, Mensch, Sprache, Natur\/Kultur gearbeitet haben, und \u00fcberlegt haben, wie die Kategorie in der Gesamttheorie zu behandeln w\u00e4ren. Von diesen Diskussionen sind hochspannende Protokolle \u00fcberliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Horkheimers Projekt einer materialistischen Logik hat aber auch eine gro\u00dfe Tragweite f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Hegels Logik selbst. Denn Horkheimer verweist hier auf eine Lekt\u00fcre von Hegels Logik, die diese \u2013 wie es \u00fcblich ist \u2013 nicht als Metaphysik und reines Denken versteht, sondern die sich auf eine historisch ges\u00e4ttigte Gesellschaftstheorie bezieht. In diesem Sinne kann man sagen: Hegel konnte seine Logik nie schreiben ohne seine intensiven \u201arealphilosophischen\u2018 Studien, innerhalb derer er seine logischen Kategorien entwickeln konnte. Aber eben deshalb ist es falsch von Hegel, sie als reines Denken von diesen realphilosophischen Kontexten zu trennen, ebenso wie es umgekehrt Sinn macht, eine autonome Analyse der Kategorien f\u00fcr ihren Gebrauch in gesellschaftstheoretischen Diskussionen vorzunehmen (wenn man sie nicht davon verselbst\u00e4ndigt).<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso ver\u00e4ndert er in m\u00f6glicherweise radikaler Weise auch die philologische Frage nach der \u201ematerialistischen Logik\u201c, die Marx schreiben wollte: Denn man hat vielleicht bisher immer bei Marx nach Vorstufen einer Logik gesucht, die irgendwie so aussieht wie Hegels Logik. Doch in diesem Horkheimer\u2018schen Konzept w\u00e4re die materialistische Logik eine materielle Kategorienlehre der Gesellschaftstheorie, also in etwa eine Methodenlehre der Gesellschaftstheorie, die eben deren Grundbegriffe kl\u00e4rt. Das ist etwas v\u00f6llig anderes als Hegels Logik (und steht doch in Beziehung darauf). Vielleicht gibt es also bei Marx deutlich mehr Entw\u00fcrfe und Vorarbeiten zu der von ihm angek\u00fcndigten Logik, von der man seit \u00fcber einem Jahrhundert herumr\u00e4tselt, wo sie denn sein k\u00f6nnte, und nie finden konnte. Vielleicht war man von Hegel zu sehr beeindruckt und hat einfach den falschen Text gesucht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Horkheimer verfolgte \u00fcber lange Jahre den Plan, ein Buch \u00fcber dialektische Logik zu schreiben, \u201ewie Hegel in seinem gro\u00dfen Werke\u201c. 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