{"id":196,"date":"2021-11-09T15:52:06","date_gmt":"2021-11-09T15:52:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/?p=196"},"modified":"2021-11-09T16:10:06","modified_gmt":"2021-11-09T16:10:06","slug":"zur-kritik-des-dialektischen-materialismus-diamat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/?p=196","title":{"rendered":"Zum Problem des dialektischen Materialismus (Diamat)"},"content":{"rendered":"\n<p>Dialektik gibt es eigentlich nicht als abstrakte Methode unabh\u00e4ngig von der Darstellung, sondern nur als materiale Darstellung, zum Beispiel der kapitalistischen Produktionsweise des 19. Jahrhunderts im marxschen <em>Kapital<\/em> oder der Kultur des &#8222;Hochkapitalismus&#8220; in Benjamins <em>Passagen-Werk<\/em>. So schreibt Marx im sogenannten Methodenkapitel<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine allgemeine Einleitung, die ich hingeworfen hatte, unterdr\u00fccke ich, weil mir bei n\u00e4herem Nachdenken jede Vorwegnahme erst zu beweisender Resultate st\u00f6rend scheint, und der Leser, der mir \u00fcberhaupt folgen will, sich entschlie\u00dfen muss, von dem einzelnen zum allgemeinen aufzusteigen.\u201c<a href=\"#_ftn1\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch wird die Dialektik heute meist ohne Bezug auf solche Darstellungen diskutiert. Das gilt f\u00fcr die Neue Marx-Lekt\u00fcre (bspw. Hans-Georg Backhaus, Michael Heinrich) ebenso wie f\u00fcr den von Friedrich Engels ausgehenden dialektischen Materialismus, auch wenn beide sich scharf voneinander abgrenzen. Zwar versichert der dialektische Materialismus, dass die Dialektik ihren Zweck au\u00dfer sich in der Darstellung hat. Tats\u00e4chlich erhalten aber aus Sicht des dialektischen Materialismus solche Darstellungen ihre Wahrheit erst durch die Dialektik, die unabh\u00e4ngig von der Darstellung wahr sein soll. <\/p>\n\n\n\n<p>Engels versteht unter Dialektik ein metaphysisches, \u201epositives Weltprinzip\u201c<a href=\"#_ftn1\">[3]<\/a>, das in Natur und Geschichte am Werk sei und aus allgemeinen, f\u00fcr sich zu diskutierenden Gesetzen wie dem \u201eGesetz des Umschlagens von Quantit\u00e4t in Qualit\u00e4t\u201c<a href=\"#_ftn2\">[4]<\/a> bestehe. Engels identifiziert sein Dialektik-Verst\u00e4ndnis mit dem marxschen und erl\u00e4utert die marxsche Dialektik entsprechend in seinen Ver\u00f6ffentlichungen, zuerst in seiner Rezension zu Marx\u2018 <em>Zur\u00a0Kritik der\u00a0Politischen\u00a0\u00d6konomie<\/em>, wo er sie als \u201eallein richtige Form der Gedankenentwicklung\u201c<a href=\"#_ftn3\">[5]<\/a> charakterisiert. Weil Marx sich \u00f6ffentlich kaum zu seinem Dialektik-Verst\u00e4ndnis ge\u00e4u\u00dfert hat, wurde es zun\u00e4chst auf der Grundlage von Engels\u2018 Erl\u00e4uterungen rezipiert und schlie\u00dflich zur Zeit Stalins in der UdSSR als dialektischer Materialismus zusammengefasst.<a href=\"#_ftn4\">[6]<\/a> Diese stalinistische Staatsphilosophie ist zwar nicht einfach identisch mit der engelsschen Dialektik, konnte sich aber dennoch auf diese berufen.<a href=\"#_ftn5\">[7]<\/a> Projektionen der Dialektik auf Natur und Geschichte, wie Engels sie vollzieht, finden sich bei Marx nur selten, der seine Darstellungsmethode deutlich von solcher Natur- und Geschichtsdialektik abgrenzt. Beispielsweise behauptet Engels in der genannten Rezension, dass die logische Entwicklung der \u00f6konomischen Kategorien \u201enichts andres als die historische\u201c<a href=\"#_ftn6\">[8]<\/a> sei, was Marx im \u2013\u00a0allerdings unver\u00f6ffentlichten\u00a0\u2013 Methodenkapitel als \u201euntubar und falsch\u201c<a href=\"#_ftn7\">[9]<\/a> bezeichnet. Die Dialektik im <em>Kapital<\/em> l\u00e4sst sich nicht als \u201aallein richtige\u2018, \u00fcberhistorische Methode verstehen, vielmehr wird sie erst n\u00f6tig aufgrund von historisch spezifischen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen, wie sie haupts\u00e4chlich mit der kapitalistischen Epoche verbunden sind. Die Dialektik ist eine sehr besondere Methode, die sich mit der Wirklichkeit von Abstraktionen besch\u00e4ftigt, und nicht die \u201aobjektiv richtige materialistische Methode\u2018. Ob sie n\u00f6tig ist, kann sich immer nur im Einzelnen aufgrund spezifischer widerspr\u00fcchlicher Verh\u00e4ltnisse ergeben. Sie ist beispielsweise n\u00f6tig, um den Wert darzustellen. Von solchen Verh\u00e4ltnissen abgesehen ist die Dialektik aber \u201eMethode auf Widerruf\u201c<a href=\"#_ftn8\">[10]<\/a>, die mit dem Ende dieser Verh\u00e4ltnisse \u00fcberfl\u00fcssig werden wird. Obwohl gegen diesen \u201eEngelsismus\u201c oft auf Georg Luk\u00e1cs als seinem ersten Kritiker verwiesen wird, f\u00fchrt das nicht so weit, denn Luk\u00e1cs kritisiert zwar Engels\u2018 Projektion der Dialektik auf die Natur,<a href=\"#_ftn9\">[11]<\/a> h\u00e4lt aber weiterhin an der Dialektik der Geschichte fest: Das Proletariat sei das Subjekt-Objekt der Geschichte, die ihre dialektische Aufhebung im Kommunismus finde.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p><em>Emanuel Kapfinger<\/em><br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/wp-admin\/post.php?post=196&amp;action=edit#_ftnref1\">[1]<\/a> MEW 42, S. 15-45.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/wp-admin\/post.php?post=196&amp;action=edit#_ftnref1\">[2]<\/a> Karl Marx: \u00bbZur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u00ab, 1859, in: MEW 13, S. 3\u2013160, hier S. 7.  <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[3]<\/a> Alfred Schmidt: <em>Der Begriff der Natur in der Lehre von Marx<\/em>, 1962, 2. Aufl., Frankfurt a. M., K\u00f6ln 1974, S. 53. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[4]<\/a> Friedrich Engels: \u00bbDialektik\u00ab, in: MEW 20, S. 348\u2013353, hier S. 348. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[5]<\/a> Friedrich Engels: \u00bbKarl Marx, \u201eZur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u201c\u00ab, 1859, in: MEW 13, S. 468\u2013477, hier S. 474. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[6]<\/a> Vgl. Wolfram Pfreundschuh: <em>Kulturkritisches Lexikon<\/em>, s. v. Dialektischer Materialismus, kulturkritik.net\/begriffe\/index.php?lex=dialektischermaterialismus [01.04.2021].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[7]<\/a> Vgl. Hermann Kocyba: <em>Widerspruch und Theoriestruktur. Zur Darstellungsmethode im Marxschen \u201eKapital\u201c<\/em>, Frankfurt a. M. 1979, S. 40. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[8]<\/a> Engels: \u00bbKarl Marx, \u201eZur Kritik der Politischen \u00d6konomie\u201c\u00ab, S. 475. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[9]<\/a> MEW 42, S. 41. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[10]<\/a> Reichelt: <em>Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs<\/em>, S. 91. <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\">[11]<\/a> Georg Luk\u00e1cs: <em>Geschichte und Klassenbewusstsein<\/em>, Berlin 1923, S. 17 Fn. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dialektik gibt es eigentlich nicht als abstrakte Methode unabh\u00e4ngig von der Darstellung, sondern nur als materiale Darstellung, zum Beispiel der kapitalistischen Produktionsweise des 19. 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