{"id":187,"date":"2021-09-14T14:35:38","date_gmt":"2021-09-14T14:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/materialistische-dialektik.net\/?p=187"},"modified":"2021-09-14T14:48:16","modified_gmt":"2021-09-14T14:48:16","slug":"die-bedeutung-rosa-luxemburgs-fuer-die-heutige-dialektik-diskussion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.materialistische-dialektik.net\/?p=187","title":{"rendered":"Die Bedeutung Rosa Luxemburgs f\u00fcr die heutige Dialektik-Diskussion"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luxemburgs Dialektik richtet sich einerseits gegen die marxistische Orthodoxie und ihren antiemanzipatorischen dialektischen Materialismus, andererseits gegen die revisionistische Kritik der Dialektik. Durch ihren Charakter als materialistische, konkret historische Dialektik  \u2013  der auf politischer Ebene die &#8222;revolution\u00e4re Realpolitik&#8220; entspricht  \u2013  kann sie auch der heutigen poststrukturalistischen Polemik gegen die Dialektik begegnen. Rosa Luxemburg kann daher einiges helfen f\u00fcr die Rekonstruktion einer emanzipatorischen Dialektik, die angesichts der zunehmenden Krisentendenzen immer wichtiger wird. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. Dialektik in Luxemburgs Werk<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luxemburg hat keine philosophischen oder methodologischen\nTexte verfasst, aber mehrfach explizit und deutlich f\u00fcr die Dialektik und eine\nkritische Bezugnahme auf Hegel Partei ergriffen. Es ist allerdings gerade der\nPunkt der materialistischen Dialektik, dass diese Methode nicht unabh\u00e4ngig vom\nGegenstand formuliert werden kann, sondern nur in der konkreten Untersuchung\neingesetzt werden kann. Beispielsweise hat auch Marx keine methodische\nDarlegung der Dialektik geschrieben. Tats\u00e4chlich sind Luxemburgs gegenst\u00e4ndlichen\nUntersuchungen \u2013 die <em>Akkumulation des\nKapitals<\/em>, die Kritik des Revisionismus, die Kritik des Nationalstaat \u2013 in\neinem scharfen Bewusstsein \u00fcber die dialektische Methode verfasst. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Verst\u00e4ndnis von Dialektik, f\u00fcr das ich unter anderem mit Luxemburg argumentiere, n\u00e4mlich dass es Dialektik nur in der konkreten Untersuchung, nicht als von ihr getrennte Methode oder \u201eLogik\u201c gibt, ist allerdings der heute \u00fcblichen Diskussion \u2013 z. B. Neue Marx-Lekt\u00fcre \u2013 von Dialektik diametral entgegengesetzt. Dort wird lediglich der \u201erichtige\u201c Begriff von Dialektik unter ausschweifender und komplizierter Bezugnahme auf Hegel diskutiert, ohne dass daraus irgendetwas f\u00fcr konkrete Untersuchungen folgt oder solche dialektisch angeleiteten Untersuchungen jemals in Angriff genommen werden. Die Konsequenz ist eine abgehobene Methodendiskussion, die ihren Bezug zur Wirklichkeit wie auch zur emanzipatorischen Praxis verloren hat. Luxemburgs auf Wirklichkeit und Praxis gerichtete Dialektik kann hier eine ganz andere Orientierung bieten. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. Luk\u00e1cs und der Einfluss Luxemburgs auf die Frankfurter Schule<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luxemburgs \u201eKonzeption\u201c der materialistischen Dialektik ist\nvermittelt \u00fcber ihre Rezeption in Luk\u00e1cs\u2018 <em>Geschichte\nund Klassenbewusstsein<\/em> in die Methode der Kritischen Theorie der\nFrankfurter Schule eingegangen, obwohl Luxemburg hier kaum je als Quelle diskutiert\nwird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Methode beinhaltet den Blick auf die gesellschaftliche\nTotalit\u00e4t, die verselbst\u00e4ndigte Bewegung sachlicher Formen und den\n\u201efetischistischen\u201c Effekt verdinglichter Verh\u00e4ltnisse aufs Bewusstsein; vor\nallem aber die Negativit\u00e4t der Dialektik, d. h. dass sie dialektischen\nBewegungen keinem selbst\u00e4ndigen Bewegungsgesetz folgen bzw. die Dialektik nicht\npositiv und ontologisch ist, sondern ein \u201enegativer\u201c Effekt von\nwiderspr\u00fcchlichen gesellschaftlichen Beziehungen wie der der\nWarenproduzierenden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luk\u00e1cs\u2018 <em>Geschichte und\nKlassenbewusstsein<\/em> ist allerdings selbst der Versuch einer Verschmelzung\neiner solchen kritischen Dialektik und einer positiven ontologischen Dialektik\n(dies wird als \u201edialektischer Materialismus\u201c bezeichnet). Luk\u00e1cs bezeichnet <em>Geschichte und Klassenbewusstsein<\/em>\nexplizit als Kombination der methodologischen Lehren Luxemburgs (sc. kritische\nDialektik) <em>und <\/em>Lenins (sc. positive\nDialektik). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Vorwort von <em>Geschichte\nund Klassenbewusstsein <\/em>schreibt Luk\u00e1cs explizit, dass er an Luxemburgs\nmethodische Leistungen ankn\u00fcpft: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs mu\u00df nun hier [\u2026] in einigen\nWorten erkl\u00e4rt werden, weshalb Darlegung und Interpretation der Lehre Rosa\nLuxemburgs, die Auseinandersetzung mit ihr einen so breiten Raum in diesen\nBl\u00e4ttern einnimmt. Nicht nur weil m. E. Rosa Luxemburg der einzige Sch\u00fcler von\nMarx gewesen ist, der sein Lebenswerk sowohl im <em>sachlich-\u00f6konomischen<\/em> wie im <em>methodisch-\u00f6konomischen<\/em>\nSinne wirklich weitergef\u00fchrt und in dieser Hinsicht an den gegenw\u00e4rtigen Stand\nder gesellschaftlichen Entwicklung <em>konkret<\/em>\nangekn\u00fcpft hat. Wobei freilich in diesen Bl\u00e4ttern, ihrer Zielsetzung\nentsprechend, auf die methodologische Seite der Fragen das entscheidende\nGewicht gelegt wurde. [\u2026] Eine wirklich kommunistisch-revolution\u00e4re,\nmarxistische Einstellung kann f\u00fcr den, der von hier ausgegangen ist, nur \u00fcber\neine kritische Auseinandersetzung mit dem theoretischen Lebenswerk Rosa\nLuxemburgs errungen werden.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luxemburgs methodische Leistungen arbeitet Luk\u00e1cs im zweiten\nAufsatz des Buchs heraus, n\u00e4mlich \u201eRosa Luxemburg als Marxist\u201c. Dort hei\u00dft es\netwa: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs kommt hier nur darauf an, auf\ndie beiden Voraussetzungen einer wahrhaften, nicht spielerischen Handhabung der\ndialektischen Methode [\u2026] auf die Forderung der Totalit\u00e4t sowohl als gesetzten\nGegenstand wie als setzendes Subjekt scharf hinzuweisen. [\u2026] Rosa Luxemburgs\nHauptwerk \u201aDie Akkumulation des Kapitals\u2018 nimmt nach Jahrzehnten der\nVulgarisierung des Marxismus das Problem von diesem Punkt auf.\u201c <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. Der Revisionismus und die Dialektik Luxemburgs<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die materialistische Dialektik wurde seit Bernstein\nwiederholt scharf kritisiert, heute vor allem vom Poststrukturalismus. W\u00e4hrend\nderen Argumente einen bestimmten Hegelmarxismus und sein positives\nontologisches Dialektik-Verst\u00e4ndnis durchaus richtig treffen, kann man von\nLuxemburg ein kritisches, negatives Dialektik-Verst\u00e4ndnis lernen, das\nBernsteins kritische Argumente teilt, ohne die Dialektik preiszugeben.\nLuxemburgs Dialektik verbindet damit eine Kritik historisch-empirischer\nVerh\u00e4ltnisse und eine revolution\u00e4re Kritik, die auf die gesellschaftliche\nTotalit\u00e4t zielt. Auf der politischen Ebene entspricht dem ihr Diktum der\n\u201erevolution\u00e4ren Realpolitik\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Luxemburg kann damit in den heutigen Zeiten, in denen\nDialektik out ist und als \u00fcberfl\u00fcssig kritisiert wird, gerade mit ihrer\nRevisionismus-Kritik die Grundlage einer produktiven reflektierten Dialektik\nsein. In den heutigen Zeiten wird dabei die Dialektik immer wichtiger, weil es\nin den aktuellen Krisentendenzen zunehmend um sich versch\u00e4rfende Widerspr\u00fcche\nund die Zusammenh\u00e4nge multipler Krisen in der gesellschaftlichen Totalit\u00e4t\ngeht, und sich letztlich Faschisierungstendenzen nur mit dialektischer Methode\nangemessen analysieren lassen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bernstein kritisierte die Dialektik als Metaphysik, die abzulehnen sei: N\u00e4mlich dass eine dialektische Widerspruchsentwicklung im Sinne determinierte Fortschrittsentwicklung hin zur Revolution angenommen wird, und dass die dialektisch-begrifflichen Konstruktionen einfach von oben herab auf die historische Wirklichkeit gepropft werden und diese durch die Dialektiker*innen daher gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird. Die Argumente des Poststrukturalismus gegen die Dialektik (Geschichtsteleologie, Begriffskonstruktionen) sind weitgehend dieselben. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Emanuel Kapfinger<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luxemburgs Dialektik richtet sich einerseits gegen die marxistische Orthodoxie und ihren antiemanzipatorischen dialektischen Materialismus, andererseits gegen die revisionistische Kritik der Dialektik. 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